Armut

In jenen Jahrhunderten als weite Teile der Kirche noch nicht geistig und moralisch verfallen waren, kümmerten sich die Klöster um die Armen der Gesellschaft. Ein Drittel der kirchlichen Einkünfte waren für die Armenversorgung reserviert. Mit dem Versprechen, dass eine "milde Gabe" an die Armen gut für das Seelenheil ist, spendeten jene, die etwas hatten, an die Armen.
Das Almosengeben wurde als eine Art Vertrag zwischen Gebenden und Nehmenden angesehen. Der Nehmende war verpflichtet ein Gebet für den Spender zu sprechen.
In der Vita Eligii steht: "Gott hätte alle Menschen reich erschaffen können, aber er wollte, dass es auf dieser Welt arme gibt, damit die reichen Gelegenheit erhalten, sich von ihren Sünden freizukaufen."
Mit solchen Argumenten wurde Reichtum und Armut gerechtfertigt. Die Reichen sollen sich nicht schämen, und die Armen sollen demütig ihr Schicksal ertragen. Im Himmelreich würden sie ihre Belohnung schon früh genug bekommen.
Die Bettelorden, wie die Minoriten, warben damit, dass man ihnen das Geld geben sollte damit der Spender sicher sein konnte, dass kein Betrüger das Geld bekommt und somit die Spende in Gottes Augen nicht ungültig ist. So ersparte man dem reichen Herrn sich dazu herabzulassen einem Krüppel auf der Strasse Münzen zu übergeben.

Innerhalb der Kirche kam es mit der Zeit jedoch zu einem Umdenken in der Armenpolitik. Nun wo man Macht, Reichtum und Ämter angehäuft hatte, sah man die Bettlerei als ein Übel an, mit dem man sich gezwungenermaßen auseinander setzen musste. Man begann die Bettler und die Bettlerei in ein negatives Licht zu rücken. Die Bettlerei wurde als etwas demütigendes für jenen, der sie betreibt, als auch für die Mitglieder seines Standes, hingestellt. Sollte z.B. ein Handwerker verarmen und zur Bettlerei gezwungen werden, so wäre er eine Schande für alle anderen Handwerker.

Die Kirchenprediger ließen verlautbaren, dass an Armut nichts Heiliges sei, sondern eher zu Sünden verleitet. Da Menschen im Grunde den Reichtum lieben und keiner arm sein will, würde unter den Armen die Todsünde des Neides, die wiederum zur Gier und Missgunst führt, vorherrschen. Sie würden sich gegen den göttlichen Plan auflehnen, was Gotteslästerung sei. Diebstahl aus Neid um aus der Armut heraus zu kommen, ist Rebellion wider Gott. Faulheit, Trunksucht und Betrug sei typisch für die Armen. Der Arme wurde nun als Bedrohung für das Privateigentum des Bürgers, Adeligen und Kirchenmannes aufgebaut.

Gegen Ende des Spätmittelalters und Beginn der Frühen Neuzeit stieg die Anzahl der Bettler immer mehr und so übernahmen die städtischen Verwaltungen das Zepter in die Hand um dieser Lage Herr zu werden.
Wie es nun mal so ist, wenn Beamte etwas anrühren, wurde auch die Armenpolitik bürokratisiert.

So kam es zwangsweise zu neuen Entwicklungen.
Jeder Fall wurde nun einzeln untersucht und katalogisiert. Man wollte so zwischen dem wirklich arbeitsunfähigen Hilfsbedürftigen und dem faulen Arbeitsunwilligen unterscheiden. Der letztere wurde geächet und ihm wurde das Betteln verboten. Die andere Gruppe bekam die Erlaubnis und sie wurden in einem Register erfasst. Damit man sie als solche erkennt bekamen sie neben einem Schriftstück auch noch ein sichtbares Zeichen aufgehalst, das mit der Zeit jedoch mehr zu einem Stigmata wurde. Für das Zeichen wurde die Farbe gelb verwendet, mit der man auch Prostituierte und Juden stigmatisierte. Eine Farbe der Außenseiter.

Die zweite Entwicklung war, dass die Obrigkeit sich nur um ihre eigenen Armen kümmern wollte und nicht um jene Fremdzugereisten. Fremden wurde das Betteln verboten und sie wurden aus der Stadt ausgewiesen. So kam es zu einem Anstieg von vagabundierender Bettlerhorden auf dem Land. Die Obrigkeit ging repressiv dagegen vor.
Da sich die Klöster auf dem Lande nicht jeden Tag um die Armen kümmerten, sondern nur an bestimmten Tagen, zogen die Bettlerhorden nach einem Art Kalendersystem von Kloster zu Kloster. Verlockend war es immer zu einer Testamentslesung eines kürzlich Verstorbenen zu pilgern. Die Chancen standen immer gut, dass der Tote den Bedürftigen in seinem letzten Willen etwas vererbte.

Die Stadtoberen sahen in der Bettlerei eine Belastung des Wirtschaftsstandortes.
Man setzte sich stärker mit dem Problem der Bettlerei und Armut auseinander, aber Lösungen wurden keine gefunden, da man ja sonst soziale und wirtschaftliche Umwälzungen erzwingen hätte müssen. Stattdessen ging man härter als zuvor gegen die Bettlerei vor. Städte gingen hart gegen die "unwürdige" Bettlerei vor. Es wurde Mode die Armen in Zuchthäuser zu stecken oder zur Zwangsarbeit zu rekrutieren.

Wer war alles in Gefahr in Armut zu versinken und als Bettler zu enden?
Witwen, Waisen, alleinstehende Frauen, Invaliden, körperlich und geistig Behinderte muss man dazu zählen, die im Normalfall nicht allein für ihr Lebensunterhalt sorgen konnten. Dann gab es noch die Gruppe jener, die leicht in die Armut hineinrutschen konnten. Soldaten, Tagelöhner, Handwerksgesellen, aber auch Bauern und selbstständige Handwerker. Kriege und klimatisch bedingte Missernten taten das ihrige um die Armut zu fördern. Gab es wenig Ertrag auf dem Feld, brauchte man weniger Arbeitskräfte. Die Entlassenen fanden nicht sofort Arbeit. Den Arbeitslosen und Bauern fehlte nun das Geld um Produkte von den Handwerkern zu erwerben. Vom Anfang des 16. Jhr bis zu Beginn des 17. Jhr. wurden die Preise für Nahrungsmittel verdreifacht. Die Kaufkraft ging in deutschen Städten zwischen 1500 und 1700 um 50% zurück.

Die Bettler lebten am Rande der Gesellschaft wie die Juden und "Zigeuner". In der Neuzeit brachte man sie mit dem Bösen und Schmarotzertum in Verbindung. Aus den Registern geht hervor, dass zwar einige in den Stand des Bettlers hineingeboren wurden, aber die Mehrheit einen sozialen Abstieg hinter sich hatten. Ursachen waren Krankheiten, das Problem der Witwenschaft bei Frauen, hohe Kinderzahlen, Arbeitsmangel oder das Alter. Insgesamt befinden sich unter den in den Registern verzeichneten Bettlern viele ehemalige Handwerker, Soldaten oder Tagelöhner neben Dienstleuten, Mägden und Knechten.
Auf dem Lande waren die umherziehenden Bettler großteils Männer, in den Städten gab es eine Mehrheit von Frauen die bettelten. Zum Familienbetteln wurden auch die Kinder mitgenommen um Mitleid zu erzeugen. Waisenkinder schlossen sich öfters in Gruppen zusammen.

Man unterschied zwischen permanenter und temporärer Bettlerei.
Temporäres betteln wurde in der Zeit, in der man keine Arbeit hatte, betrieben, sei es Saisonal- oder Krankheitsbedingt.
Dann gab es auch noch den Unterscheid zwischen Land- und Stadtbettlerei. Bei der Landbettlerei zog man im Land umher. Man war mehr Gefahren ausgesetzt.
Bei der Stadtbettlerei gab es die Gassen-, Markt- oder Kirchenbettlerei mit öffentlichem stehen, gehen oder sitzen, teilweise verbunden mit dem Ansprechen von Leuten. Daneben gab es die Haustür- oder Wohnungsbettlerei, die eine Vertrautheit zum Besitzer bzw. Bewohner voraussetzte. Häufig wurden auch spezielle Hilfeersuchen, wie im Falle einer Katastrophe, etwa der Brandbettlerei, vorgebracht, bei denen Wert darauf gelegt wurde zu zeigen, dass man nicht durch eigenes Verschulden in die missliche Lage geraten war. War man mit musikalischem Talent gesegnet, konnte man musizieren und singen. Es gab natürlich auch die Möglichkeit jemanden so lange zu bedrohen bis dieser ihm ein paar Münzen gab.

Das Aussehen des Bettlers war eines seiner wichtigsten Einnahmequellen. Je verkrüppelter und kränker man aussah, desto besser. Hatte man keine Gebrechen, dann tat man so als ob. Zerlumpte Kleidung tat das seinige dazu.

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Bettler-Skizzen von Hieronymus Bosch

Durch die Ausgrenzung aus der Gesellschaft rutschten die Bettler in der zweiten Hälfte des 17. Jhr. immer mehr ins kriminelle Milieu hinab.
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