Sittengeschichte

Sitte und Moral

Was ist das?
Verhaltensregeln innerhalb einer Gruppe, welche zwar nicht durch Gesetze festgelegt, aber durch Tradition, Kultur und Religion begründet werden, nennt man Sitte.
Die Moral ist die Gesamtheit der sittlichen Wertungen einer Zeit bzw. Gesellschaft. Sie drückt sich in Ge- und Verboten der Sitte, der Religion und des Rechts aus.

Sitte und Moral ändern sich und bleiben niemals statisch.
Gibt es Zeiten, in denen es Frau als Anerkennung ansieht, wenn man ihr auf die Brüste greift, so gibt es wiederum Zeiten, in denen man deswegen eine Anzeige auf Grund von sexueller Belästigung bekommt.
Es gibt Zeitepochen, in denen Mann und Frau, nach unseren Begriffen derb, sich öffentlich über die Sexualität unterhielten, gibt es wiederum Zeiten, in denen Prüderie vorherrscht.

Sitte und Moral innerhalb einer Gesellschaft sind je nach Stand, Religion und ethnischer Herkunft verschieden, und nicht selten streng voneinander getrennt.

Als Beispiel sei hier die verschiedene Auffassung der Rolle Ehefrau beim Handwerksmeister und Kaufmann im 16. Jahrhundert erwähnt.
Die Frau des Handwerksmeisters soll eine strenge, züchtige Hausfrau sein, die für Ordnung sorgen und Herrin über Küche und Keller sein soll. Die Dienstboten müssen ihr gehorchen und sie muss auf Sparsamkeit bedacht sein. Ordnung und Sparsamkeit ist die Grundlage der Existenz des Kleinbürgers in ihrem kleinhandwerklichen wirtschaftlichen Leben.
Sie muss ihre Kinder in diesem Geiste erziehen.
Sie wird sich hüten, sich in kostbare Gewänder zu kleiden, die mehr als ein kleines Vermögen kosten und so ihren wirtschaftlichen Ruin bedeuten könnten. Sie wird im Umgang mit den Mägden und Knechten nicht nachlässig sein, weil diese sonst ihre Arbeit vernachlässigen könnten und dies die Existenz ihrer Familie gefährden könnte. Würde es soweit kommen, wäre sie eine Schande für ihren Stand und eine schlechte Hausfrau, die gegen die Sittengesetze ihres Standes verstoßen würde.

Beim reichen Kaufmann sorgt sich die Frau nicht um Kinder und Haushalt. Diese Aufgabe wird von anderen übernommen. Durch den zunehmenden Reichtum macht der Mann aus seiner Frau einen Luxusgegenstand. Sie soll das Leben des Mannes verschönern und seine Anzahl der Genüsse vermehren. Sie ist die Freudenspenderin des Mannes. Sie soll den Luxus nach außen repräsentieren. Mit Hilfe ihrer prächtigen Gewänder zeigt sie demonstrativ ihren Reichtum. Ihr äußeres Erscheinungsbild zeigt zu jeder Stunde Festtagsstimmung. Nichts darf an ihr auf den Alltag, seine Mühen, Staub, Dreck und alles was sonst noch zur Arbeit gehört, hindeuten.
Was von den anderen Gesellschaftsklassen unterscheidet, einigt und stärkt innerhalb des Standes.

In einer Frage waren sich alle Stände einig. Die Ehe hat monogam zu sein. Nur durch sie kann gewährleistet werden, dass ein Mann sein Vermögen und Privateigentum an seine legitimen Erben weitergeben kann. Vaterschaftstests in Talk Shows gab es ja noch nicht.
Geschlechtsverkehr hat sich dadurch nur zwischen Ehemann und Ehefrau zu beschränken.
Keuschheit vor der Ehe von Mann und Frau und Treue beider während der Ehe sind Stützpfeiler der Monogamie.

Jedoch wird von den Frauen, welche die Erben gebären sollten, die strikte Monogamie gefordert, während man bei den Männern offene und versteckte Polygamie duldet, wenn nicht gar akzeptiert.
Die Monogamie bringt immer zwei Kinder hervor: Ehebruch und Prostitution.
Beides konnten nie durch Gesetze unterdrückt, höchstens ins Geheime getrieben werden.
Es gibt Perioden, in der die eheliche Geschlechtsmoral von der großen Masse einfach ignoriert wird und Frauen nicht weniger offen als ihre Männer dem Ehebruch frönen.
So eine Zeit war die Renaissance.

Das Schönheitsideal der Renaissance

Jede Zeit und Gesellschaft hat ihre eigenen Schönheitsideale.
Im Mittelalter war der Körper nur der Sitz der unsterblichen Seele. Das gesamte Leben war jenseitsgerichtet, der Körper nur ein Anhängsel.

In der Renaissance entriss man den Menschen dem Himmel und holte ihn auf die Erde zurück. Der Mensch als physischer Begriff rückte in den Vordergrund.
Im neuen Ideal war der Mensch nicht bloß Instrument der überirdischen Seele, sondern Instrument des irdischen Lebens. Man wollte sein Leben im Hier und Jetzt genießen und nicht erst im Jenseits auf seine Kosten kommen.

Der Mann soll vor allem zwei Sachen besitzen. Kraft und Energie.
Vom Mann erwartet man keine normale Figur. Das Ideal ist ein Körper einer antiken Heldengestalt. Er soll Apoll und Herkules zugleich sein. Um seine energischen Züge zu verdeutlichen, soll er eine Adlernase haben.

Die Frau soll Venus und Juno zugleich sein. Um es mit einem heutigen Begriff zu sagen, waren zierliche und niedliche Frauengestalten out.
Gut gebaute Frauen waren das Ideal der Zeit.
Großer Wuchs, voller Busen, breite Hüften, pralle Lenden, volle Arme und stramme Schenkel. Sie sollte Nüsse mit den Schenkeln knacken können.

Deshalb verdienen die Frauen den Vorzug, wäre es auch nur wegen ihrer Grazie und Majestät; denn in diesen Dingen werden ebenso wie bei andern Handlungen und Verrichtungen geschätzt; gleichwie die Führung eines großen und schönen Streitrosses hundertmal angenehmer ist und dem Reiter mehr Freude macht als die eines kleinen Kleppers. - Brantôme

Die ideale Frau hatte sechsunddreißig bestimmte Schönheiten, die man zum Teil ganz bestimmten Ländern und Städten zuordnete.
Die schönen Hände der Kölnerinnen, der schöne Rücken der Brabanterinnen, der schön gewölbte Bauch der Französinnen, die Busen der Österreicherinnen, den Po der Schwäbinnen, und die Zierde der Bayerinnen.
Aus der Literatur der Zeit geht aber auch hervor, dass die Ansicht über die Schönheit der jeweiligen Frauen verschieden sind. Gefällt dem einen Schreiber der Po der Schwäbinnen, gefallen dem anderen ihre Schenkel.
Um den Busen wird ein Kultus getrieben. Lobgesänge, Gemälde zeugen von der schöpferischen Kraft der Renaissance in diesem Bereich.

In den Schriften wie z. B. die Lobeshymnen auf die Frauen, die bei Fastnachtsspielen vorgetragen wurden, ist von geistiger Schönheit nie die Rede. Es geht immer nur um den Körper.

Eine Frau musste alle Punkte erfüllen, um als vollkommen zu gelten.
Beim Mann ging es nicht so streng zu. Von ihm erwartete man nur eine Schönheit. Diese war es, die ihm sogar das Aufsteigen in eine höhere Klasse ermöglichte, wenn ihm eine reiche Witwe seine Gunst schenkte. Er musste mit einem großen Liebeswerkzeug bestückt sein.
Ein Mann, der den Anforderungen einer Frau in diesem Punkt nicht nachkommen konnte, war Hohn und Spott ausgesetzt.
Etliche Fastnachtsspiele, Schwänke und Novellen haben das zum Thema. Die untreue Ehegattin, die zu Hause nicht das bekommt, was ihr zusteht. Die Braut, die nach der Hochzeitsnacht enttäuscht ist und Anklage erhebt.

Die Renaissance ist die Zeit, in der nicht der Jüngling oder Jungfrau das Ideal sind.
Der reife Mann, der auf dem Höhepunkt seiner Potenz und körperlichen Kraft ist, lässt dem Jüngling keinerlei Chance.
Bei den Frauen ist der Höhepunkt zwischen ihrem fünfunddreißigsten und vierzigsten Lebensjahr.
Vor dem Älterwerden hatte man Angst. Es gab nichts demütigenderes für eine Frau, als wenn sie das Interesse der Männer nicht mehr auf sich ziehen konnte. Man verachtete das Alter. Etliche Spottlieder zeugen davon.

Da der Körper eine zentrale Rolle in der Renaissance hatte, war die Nacktheit etwas selbstverständliches. Nackt zu schlafen war das normalste auf der Welt und das nicht von Wänden vor dem Anblick anderer geschützt, sondern ganz offen. Oft schliefen Eltern, Kinder samt dem Gesinde nackt in einer Kemenate. Selbst für Gäste, die man kaum kannte, änderte man sein Verhalten nicht. Die Weigerung, sich zu zeigen, befremdete mehr und machte einen auffällig. Diese Sitte ging quer durch alle Schichten.

Es war Sitte, dass nackte Jungfrauen, vor den Augen aller, beim Empfang von hohen Gästen die Hauptrollen in Schauspielen hatten und dem Gast, ihm zu Ehre, Gedichte vortrugen.

Wenn man die Möglichkeit hatte, dann protzte man mit seiner körperlichen Schönheit, wo auch immer es ging. Die Schönheit sollte jeder mitbekommen, sie war nicht für den Privatbereich bestimmt.
Eine Möglichkeit dazu war die Kunst. Man ließ seine Gattin oder Geliebte nackt portraitieren.
Tizian, Raffael und Rubens malten viele solcher Gemälde.

Eine andere Möglichkeit war es, mit Hilfe der Gewandung zu protzen.
Männer trugen eng anliegende Kostüme, die ihre einzelnen Muskeln und Kraft zur Geltung brachten. Die grotesk übertrieben große Schamkapsel sollte sein Geschlecht in den Vordergrund rücken. Es gab welche, die einen Ochsenkopf oder Hirschgeweih darstellten. Manche waren so konstruiert, dass es dem Betrachter glauben machen sollte, das man ständig aktiv wäre.
Erst im 16. Jahrhundert, als durch den Welthandel der Luxus für viele greifbarer ist, kamen die mit Schnitten versehenen Pluderhosen und Hemden in Mode. Ein Mann trug oft bis zu sechzig Ellen Tuch am Leibe.
Bei den Frauen sollten vor allem Busen und Hüften präsentiert werden. Das Dekollete sollte den Busen nach oben drücken und diesen zeigen. Aber diese Mode war nicht nur für Festlichkeiten reserviert. Man trug es zu Hause, auf dem Markt und selbst in der Kirche. An den Höfen war es zu manchen Zeiten nicht unüblich, wenn ein Kleid den Rücken und die Busen preisgab.

Aber auch Männer waren zu der Zeit exhibitionistisch veranlagt. Bei so manchen Bewegungen, als sie Wämser trugen, die knapp unter dem Gürtel abschlossen, kam es vor das "unabsichtlich" die Scham vor den Frauen entblößt wurde.
An Orten, wie z. B. Venedig, wo eine vornehme Frau nur mit Schleier oder Maske aus dem Haus durfte, wurde das Gesicht zwar verborgen, aber die Oberweite stolz gezeigt.

So viel zu zeigen, war das Vorrecht der Jungfrau, die noch auf der Suche nach einem Mann war.
Eine Verheiratete sollte schon weniger zeigen.
Witwen war es überhaupt verboten und sie mussten Kleider tragen, die bis zum Hals verschlossen waren. In manchen Regionen musste sie sich in der Zeit des Trauerjahres gar verhüllen. Nach dem Ende dieser Zeit konnte sie sich wieder stolz präsentieren, weil sie wieder auf der Suche nach einem Mann war.

Sittenprediger sahen in dieser Mode das Werk des Teufels und drohten mit der Hölle.
Es wurden zahlreiche Kleiderverordnungen und Gesetze gegen den Luxus erlassen. Jedoch zahlte man stolz die Geldstrafen und machte weiter.
Die kleinbürgerlichen Handwerker begrüßten diese Gesetze. Wenn die reichen Bürger und Adeligen ihr Geld nicht mehr für Luxus aus dem Ausland ausgeben durften, so mussten sie ja zwangsweise ihre Waren vor Ort kaufen.
Auch waren diese Gesetze ein Mittel der Macht, um die Standesunterscheide zu verdeutlichen. Dort wo der Adel herrschte, verbot man dem Bürgertum das Tragen von protzigen und luxuriösen Kleidern und Schmuck.
Dort wo die Patrizier herrschten, verbot man es den Frauen der Handwerker.

Ehe

Geheiratet wurde aus Geld- und Standesinteressen.
Der Adel heiratete, um seine politische Macht und seinen Einfluss zu vergrößern. Es wurde aus dynastischem Interesse geheiratet.
Die Handwerker heirateten aus Zunft- und Familieninteresse.
Die reichen Kaufleute heirateten, um ihr Kapital und ihren Besitz zu vergrößern.
Alle hatten jedoch eines gemeinsam. Aus der Ehe sollten legitime Erben hervorgehen.
Subjektive Zuneigung und das Interesse des einzelnen spielte keine Rolle.
Nur die Unterschicht konnte, wenn sie überhaupt heiraten durfte, aus Liebe heiraten.
Wie schon weiter oben erwähnt, war die Renaissance jene Zeit, in der die Menschen im Hier und Jetzt leben wollten. Ihre persönliche Befriedigung konnten Mann und Frau im Ehebruch mit jenem Partner frönen, den sie selbst erwählt haben.

Die Ehe galt in den meisten Ländern ab dem Zeitpunkt geschlossen, wenn Mann und Frau im Bett gelegen sind. Vorher segnete ein Priester das Bett. Bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts war es bei allen Schichten üblich, dass der Vollzug der Ehe im Beisein von Zeugen stattfand.
Diese Sitte verschwand nur allmählich, und erst dann, als die Kirche begann, die kirchliche Trauung in den Vordergrund zu schieben.
Es dauerte lange Zeit, bis das Volk seine alten Sitten und Brauchtümer aufgab. Lange Zeit wurde die kirchliche Trauung ignoriert und konnte sich schwer durchsetzen.
Die Ehe wurde als ein weltlicher rechtlicher Akt, der öffentlich vollzogen werden muss, gesehen, und nicht als religiöser Akt.

Diese ursprüngliche germanische Sitte wurde auf die verschiedensten Arten vollzogen. Manchmal pompös, manchmal ernst religiös, und manchmal humoristisch.
Vor allem beim niedrigen Volk war es eine recht derbe humoristische Angelegenheit.
So war es zum Beispiel üblich, dass die Hochzeitsgäste vor der Kammertüre warteten und erotische Hochzeitslieder sangen oder Witze erzählten, während Braut und Bräutigam drinnen beschäftigt waren. Danach wurden die Eheleute von den ins Zimmer stürmenden Gästen aus dem Bett geholt.

Zu heiraten war nicht einfach.
Auf dem Lande waren Heiratsverbote für Mägde und Knechte nicht unüblich.
In den Städten haben Zünfte ihren Gesellen verboten zu heiraten. Heiraten durfte nur, wer selbstständig war und wurde. Jedoch konnten in den meisten Zünften nur die Meistersöhne Meister werden. Dort wo es Gesellen erlaubt war zu heiraten, war es ihnen wiederum verboten, Meister zu werden.

In der Renaissance wurde es gar nicht gern gesehen, wenn ein älterer Witwer eine junge Frau heiratete, oder eine Witwe einen jungen Burschen.
Man spöttelte und verhöhnte sie. Der alte Mann könne der jungen Frau körperlich nicht viel bieten, hieß es, da er ihren Hunger nicht stillen könne.
"Zweimal ist der Herren Weise, dreimal ist des Edelmanns Pflicht, viermal heißt der Frauen Recht."

Den Witwen sagte man nach, das sie liebeshungrig sein. Witwen, welche innerhalb der ersten dreißig Tage nach dem Tode ihres Gemahls wieder heirateten, wurden bestraft. Witwen, die das Trauerjahr züchtig betrauerten, belohnt.
Ein Sprichwort lautete: "Witwen lieben doppelt, denn sie wollen beim zweiten Mann nachholen, was ihnen der erste versagt hat, und darum ist nichts gefährlicher als eine Witwe zu heiraten, die schon zwei oder gar schon drei Männer gehabt hat."

In vielen Schwänken wird darüber berichtet, dass Mütter Männer für ihre Tochter suchten, die auch ihren eigenen Liebeshunger stillen sollten.

Ein Mann, der eine Witwe heiratete, dem war es klar, dass er keine Unberührte heiratete.
Ein Mann, der eine junge Frau heiratete, erwartete eine keusche Jungfrau im Bett, damit es keinerlei Bedenken geben würde, von wem das Kind ist.
Es gab nichts Schlimmeres für den Ehemann, wenn er in der Hochzeitsnacht entdeckte, dass er mit einer "leiden" Braut im Bett liegt.

Keuschheit wurde als höchste weibliche Tugend angesehen.
Es gab etliche Hochzeitsgebräuche die dafür sorgten, dass eine Jungfrau bei der Hochzeit als würdig gefeiert wurde, und befleckte Frauen als unwürdig herabgesetzt wurden.
Eine würdige Brau durfte mit einem Brautkranz geschmückt vor dem Altar. Sie durften ihr Haar offen und lose tragen.
Eine Frau die schon in den Genuss von vorehelichem Geschlechtsverkehr gekommen war, darf nur einen Schleier tragen. In Nürnberg musste sie einen Strohkranz tragen.
In Rothenburg o. d. T. musste die Braut von ihrem Geliebten in einem Karren im Ort herum gefahren werden und die anderen machten sich einen Spaß daraus, sie mit Dreck zu bewerfen.

In jenen Städten, in denen das kleinbürgerliche Handwerk politisch vorherrschte, gab es sogar Gesetze, die "vergriffenen Eheleut" bei der Hochzeitsfeier Beschränkungen auferlegte.
Sie durften nicht so viele Gäste einladen, wenig Gerichte servieren, und nicht so lange feiern wie würdige Hochzeitsleute.

In den verschiedensten Ländern und Gegenden musste die Braut beweisen, dass sie als Jungfrau ins Ehegemach gestiegen ist.
Sie musste das Leintuch oder Hemd mit den Spuren der Entjungferung den Nachbarn präsentieren. In Spanien wurden die Linnen öffentlich aus dem Fenster hinausgehalten und gerufen "Wir halten sie für eine Jungfrau!"
In Schwaben gab es den Brauch, dass die Eltern der Braut als Beweis mit dem befleckten Leintuch vor Gericht mussten, falls der Ehemann sie beschuldigte, ihnen eine "leide" Braut angedreht zu haben.
Das öffentliche Herzeigen des Beweises gab es nur beim niedrigen Volk.
Bei den Höhergestellten fand die Zeremonie innerhalb der eigenen vier Wände im Kreis der engsten Familie ab.

Aber trotz alldem heißt das noch lange nicht, dass Frauen in der Renaissance bis zur Hochzeit warteten. Vorehelicher Geschlechtsverkehr war in den meisten Schichten an der Tagesordnung. Es musste nur der äußere Anstand gewahrt bleiben.
In zahlreichen Schriften geht man darauf ein.

In der Sprichwortnovelle "Wer dabei ist, dem gesegne es Gott" erklärt ein Bischof: "Bevor ich Bischof geworden bin, bin ich auch Beichtvater gewesen, und niemals hat mir ein Dirnlein, das über zehn Jahre alt war, nicht zu gestanden, mindestens zwei schon gehabt zu haben."

"Winkelehen", erleichterten den Schutz vor öffentlicher Brandmarkung für Paare. Auch wenn die Kirche sich sträubte, musste sie z. B. die in Deutschland gängige Praxis des Ehegelöbnis durch "Handgeben und Zusagen" akzeptieren.

Die Kunst der Wiederherstellung der künstlichen Jungfernschaft wurde gerne angewandt.
Zahlreiche Apotheker, Kräuterhändler und Hebammen boten etliche Mittel an, die den Gatten in der Hochzeitsnacht täuschen sollten.
Eine Methode war, einen Blutegel in die Scheide zu stecken, der eine blutgefüllte Blase erzeugt. Diese zerplatzt beim Eindringen des Mannes und er ist beruhigt.
Da Frauen ihre Aktivitäten immer und immer wieder verschleiern konnten und sich nach außen keusch gaben, blieben sie so lange Jungfrau, bis der Bauch dicker wurde.
Nichts fürchtete man mehr als eine voreheliche Schwangerschaft.

Kindsabtreibungen waren an der Tagesordnung. Mutterkorn und Sadebaum waren die beliebtesten Abtreibungsmittel für die Frauen.
Man baute es oft im eigenen Garten an und ältere Frauen halfen den jüngeren.
"Die Buben halten z´sammen. Also müssen die Mädel auch z´sammen halten."

Falls eine junge Frau mal ein Kind gebar, warf man ihr nicht vor, dass sie vorehelichen Geschlechtsverkehr hatte, sondern dass sie nicht die erforderlichen Maßnahmen getroffen hatte, um das Kind nicht zu bekommen. Sie hatte sich nicht an die ungeschriebenen Regeln gehalten. Abtreibung war im Allgemeinen nicht strafbar. Dort wo es strafbar war, wurde es in den seltensten Fällen verfolgt.

In vielen Regionen gab es in der Bauernschicht den Brauch der Komm- und Probenächte.
In der Schweiz nennt man es "kilten", in Kärnten "brenteln", und "gasseln", in Oberbayern "fensterln", in Schwaben "fugen" usw.
Bei den Kommnächten wurde nur ein paar Stunden ungestört geplaudert, während man bei den Probiernächten zur Sache ging.
Das Bauernmädchen bekam von den Eltern, deren Eltern es mit ihnen auch so gemacht haben, eine abgelegene Kammer für die Nächte. Der Bursche musste über das Fenster zu seiner Geliebten. Im Dorf war es das natürlichste der Welt und nichts Anstößiges. Nachdem man "probiert" hatte, und das Paar sich eine gemeinsame Zukunft vorstellen konnte, hat man sich verlobt. Nach der Verlobung war es nicht mehr erlaubt mit anderen zu probieren. Man konnte sogar den anderen anklagen, wenn er seinem Eheversprechen nicht nachkam.

Auch beim Bürgertum gab es Kommnächte. Da kam der junge Mann nicht durchs Fenster, sondern durch die Hintertüre. Bei ihnen war es die Urform des Flirts von Verliebten.

In den Adelshäusern, deren Zukunft von Heiratspolitik, Erbfolge und Stammerhaltung abhing, war das Probieren auch nicht unbekannt.
In etlichen Sagen-, Minneliedern und spanischen Romanzen wird darüber berichtet. Aber als wichtigste Quelle gelten die Urkunden die darüber berichten.
So forderte König Alphons von Neapel in einem Brief von Kaiser Friedrich III., der mit seiner Nichte Prinzessin Leonore von Portugal verlobt war, in Italien die Probier vorzunehmen, um die teure Rückkehr von Deutschland nach Italien zu ersparen, falls es im Bett nicht klappen sollte.
Ärzte mussten die Potenz des Mannes bezeugen, denn wäre er nicht in der Lage gewesen seinen Mann zu stehen, wurde der adeligen Braut eine Urkunde ausgestellt, das sie noch Jungfrau sei und sie konnte, ohne an Wert verloren zu haben, anderweitig verheiratet werden.

Am Ausgang des Mittelalters war das, was wir heute Flirten nennen, in fast allen Schichten und in Ländern aus unserer Sicht noch primitiv.
Beide Geschlechter huldigten sich fast ausnahmslos mit eindeutigen handgreiflichen Liebenswürdigkeiten. Augen und Hände hatten alle Rechte.
Im Bauernstand ging man direkter und derber an die Sache als im Bürgerlichen und Adelsstand. Wobei die deutschen Adeligen ungeschlachter als der italienische und spanische Adel an die Sache rangingen.

In allen Kreisen war die erste Huldigungsform jene, einer hübschen Frau öffentlich auf den Busen zu greifen. Man tat das bei jeder Gelegenheit die sich bot. Vor allem bei Tanzveranstaltungen. Dass man die andere Person gar nicht kannte, machte nichts aus. Man konnte sie ja nun kennenlernen.
Die Frau sah es als Schmeichelei an. Sie war sogar beleidigt, wenn sie als einzige nicht angegrapscht wurde.
Um mehr Würze ins Spiel zu bringen, wehrten sich einige Frauen zaghaft, um den Schein zu wahren und den Mann zu provozieren, weiterzumachen.

Sittenprediger regten sich zwar darüber auf, aber das juckte niemanden.

"Ihr wollt in alle Winkeln putzen
Und tut die schönen Weiber anschmutzen,
Euer Mund zufleußt euch Beschaid,
Wenn ihr anseht Frauen und Maid.
Spricht eine ein Wort in ei´m Guten,
So wollt ihr ihr naschen um die Tuten,
Die kann eur nimmer ledig wern."


In der Renaissance gab es genügend Möglichkeiten für Mann und Frau, um sich körperlich näher zu rücken, wenn man die Enge des Raumes bedenkt, in dem man schlief.
Ein Beispiel ist das Reisen. Man vermied es zu reisen. Musste man aber reisen, so waren die Personen durch die Umstände mehr oder weniger aneinander gefesselt.

Frauen reisten niemals allein. Wenn Ehemann oder Bruder nicht konnten, wurden sie von einem anderen Beschützer begleitet. Die Straßen waren meist in schlechtem Zustand und man kam sehr langsam voran. Reisewagen konnten sich nur die Reichsten leisten.
So ritt man zu zweit auf einem Pferd. Die Frau entweder vor oder hinter dem Begleiter. Er musste sie nicht selten festhalten, weil die Straßen mit Furchen und Gräben durchzogen waren. Es war nicht unüblich, dass die Hände der beiden mehr taten als sich beim anderen "nur" festzuhalten und man nutzte die Zeit zum Flirten.

Erwartete man einen vornehmen Gast, so war es eine Ehre, wenn dieser nach kurzer Zeit Hand an die Tochter oder Frau des Hauses legte. Oft schickte man die junge hübsche Tochter, um dem Gast Gesellschaft zu leisten.
Nachts schickte man eine schöne Dienerin oder gar die Tochter zum Gast ins Bett. Es sollte nicht zum Nachteil des Gastgebers sein. In den Niederlanden des 16. Jahrhunderts übernahm diese Aufgabe die Ehefrau, wenn der Besucher ein junger Mann war. Dieser Brauch nannte man: "Die Frau auf guten Glauben beilegen".
Doch nicht jeder Gatte war davon angetan, wie ein französisches Rittergedicht berichtet:

"Der höfischen Gräfin war es angenehm, einen solchen Gast bei sich zu sehen. Sie ließ ihm daher eine große Gans zubereiten und ein kostbares Bett in ein Zimmer setzen, worin man gut ruhte. Als die Gräfin schlafen ging, rief sie das schönste und artigste von ihren Mädchen zu sich und sagte ihm heimlich: Liebes Kind, gehe jetzt hin, lege dich zu diesem Ritter ins Bett und bediene ihn, wie sich´s gebührt. Ich thäte es gerne selber, wenn ich es nicht aus Schamhaftigkeit unterließe, und zwar um des Grafen, meines Herrn willen, welcher noch nicht eingeschlafen ist."

Brautleuten, die öffentlich derbe Zärtlichkeiten austauschten, sah man es nach.
"Es sind Liebesleut", war ein Freibrief.

Im 15. und 16. Jahrhundert war der eheliche Stand der höchste Stand. An Singles und alten Jungfern lastete ein gewisser Makel und man hatte kein Verständnis dafür.
Der Fürst brauchte Soldaten und die Wirtschaft Arbeitskräfte, so war es oberste Pflicht, für Nachwuchs zu sorgen.
Ehelosigkeit war eine soziale Gefahr und Feind der Gesellschaft.
Doch die geschlossene Ständegesellschaft mit ihren Heiratsverboten und starre Zunftgesetze erleichterten die Situation nicht gerade.
Die Tochter des Schmiedes durfte nur den Sohn eines Schmiedes heiraten.
Der Kampf um einen Mann bei dieser sehr engen Auswahl wurde beinhart und mit allen Mitteln geführt. Satiriker nannten diesen Umstand "Hosentollheit, "Kampf um die Hosen."

Die eheliche Untreue stand im Mittelpunkt, welche die Ehe als wichtigste gesellschaftliche Institution gefährdete, jeder geistigen und öffentlichen Diskussion.
Man beschäftigte sich in ernster, aber auch spöttischer Form damit.
Jedoch die Untreue wurde in der Literatur nicht nur verteufelt, sondern sogar verherrlicht.
Eine junge Frau, die einen Greis heiraten musste oder einen schlaffen Ehemann hatte und diesen hinterging, hatte die Sympathie des Publikums.
Gerne wird die Geschicklichkeit und Gerissenheit dieser Frauen, die es ermöglicht, dass ein Jüngling sie besucht und der Mann nicht dahinter kommt, gepriesen.
Auf der anderen Seite wird der gehörnte Mann verspottet.
Die Frau ist das Eigentum des Mannes und jeder Mann, der mit seiner Frau schläft, greift heimlich sein Eigentumsrecht an. Ein Mann, der einen Freund für seine Frau sucht, der sich um sie kümmern soll, greift die Rechte des Ehemanns aber nicht an, da der Besitzer der Frau ja von sich aus sein Ja gegeben hat.

Im Gegenzug wird die Ehre einer Ehefrau nicht beschmutzt, wenn ihr Mann eine Geliebte hat, da er nicht ihr Eigentum ist und sie nicht geschädigt werden kann.

Man ist der Meinung, dass Treue eine seltene Blume ist, die man kaum findet. Untreue wächst jedoch zu jeder Jahreszeit in jedem Garten. Kein Gesetz der Welt kann das verhindern.
Keine Ehefrau ist sicher vor den Reden und Griffen jener, die sie von der Treue zu ihrem Gemahl abbringen wollen.
Der oberste Grund, womit Frauen ihren Seitensprung begründen, ist die Rache am untreuen Ehemann. Der zweite Grund ist die Vernachlässigung durch den Mann, der seine Geschäfte im Kopf hat und nachts im Bett seine Ruhe braucht und seinen ehelichen Pflichten nicht nachkommt. Der dritte Grund ist die lange Abwesenheit des Mannes.

Zwar war die weibliche Untreue zu der Zeit das Selbstverständlichste der Welt, jedoch sollte man nicht den Fehler machen und glauben, dass es ein leichtes Spiel war. Es gab genügend eifersüchtige Ehemänner, die jeden Schritt ihrer Frauen mit Argusaugen beobachteten.
Sie wollten ihre Alleinherrschaft im Bett mit allen Mitteln verteidigen.
Dies bedeutete eine hohe Gefahr für Eheweib und Nebenbuhler. Von etlichen Racheakten wird berichtet.
In einer Schilderung heißt es, dass der gehörnte Ehegatte den Nebenbuhler vor den Augen der Untreuen entmannt.
In Konstanz erwischte ein Kaufmann sein Weib mit einem Doktor. Er ergriff einen Striegel und striegelte den Liebhaber zu Tode.
In Italien ließ ein Edelmann, der sich in seiner Mannesehre verletzt sah, seine Frau von zwölf Lastträgern und Ruderknechten drei Tage vergewaltigen, bis sie endlich starb.

Jene die dem zuvorkommen wollten, zwangen ihre Verlobten oder Frauen, Keuschheitsgürtel zu tragen.
Eltern, die ihre Töchter als Jungfrauen dem Bräutigam überreichen wollten, gaben diesem in der Hochzeitsnacht die Schlüssel zum Schloss.
Recht praktisch für die Frauen, dass derselbe Händler, der den Gürtel verkaufte, ihnen jederzeit einen Zweitschlüssel verkaufen konnte.

Die Sittlichkeit der Kirche

Seit Jahrhunderten waren die Klöster das wichtigste Bollwerk des Christentums.
Die Klöster waren die ersten Kulturzentren nach der großen Völkerwanderung. Die Könige im Frühmittelalter hielten Mönche als Schreiber, da diese zu jener Minderheit gehörten, die richtig Lesen und Schreiben konnten. Es waren die Mönche die dafür sorgten dass das antike Wissen nicht ganz verloren ging, indem sie Werke aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzten. Das professionelle Handwerk verbreitete sich von den Klöstern aus. Die Mönche lehrten die Menschen in ihrer Umgebung, wie man Bier braut, Weberei betreibt, richtig den Boden bearbeitet.
Die mittelalterliche Wissenschaft hatte ihren Hauptsitz im Kloster.
Sie bauten die Straßen, die von ihren Klöster wegführten, rodeten die Wildnis, trockneten die Sümpfe und machten das Land urbar. Hinter den schützenden Mauern suchte das Volk Schutz vor Eindringlingen.

Ursprünglich waren die Klöster ein Zusammenschluss armer Leute, das Armutsgebot wurde wie ein Wappenschild vor sich her getragen, die sich zusammentaten um vereint durch das Leben zu gehen. Sie wurden zu wirtschaftlichen Organisationen einer religiöser Institution.
Bete und arbeite.
Da in Klöstern intensiv gearbeitet wurde und Waren produziert wurden, waren sie jahrhundertelang die mächtigsten und zahlungskräftigsten Kaufleute.
Ihre Grundform erinnert ein wenig an den Kommunismus. Alles war Gemeineigentum. Sowohl das Produzierte, als auch das Konsumierte. Privateigentum ist der Feind dieses Systems.
Man verbot den Mönchen und Nonnen zu heiraten, um zu verhindern, dass Erben geboren werden, denen man etwas vom Kirchenbesitz vererben könnte. Denn es würde nicht viel mehr vom Acker übrig bleiben, wenn man es zwischen den Kindern verteilen müsste. Die einzige Familie sollte die Gemeinschaft des Klosters sein.

Jedoch bedeutete das noch lange nicht, dass die Nonnen und Mönche, die nicht heiraten durften, nun keusch lebten. Sie waren weiterhin sexuell aktiv.
Die Forderung nach Keuschheit kam erst auf, als man anfing vom Volk die Askese zu fordern, und man erwartete dass sie selbst mit gutem Beispiel voran gehen.

Die wirtschaftliche Überlegenheit der Klöster führte zu Macht und Reichtum und man konnte nun andere für sich arbeiten lassen, und selbst einen Gang zurückschalten.
Da man nun selbst weniger produzierte, musste man die anderen umso mehr ausbeuten.
Muss man nicht mehr arbeiten, schleicht sich langsam Faulheit, ein Übermaß an Essen, Trinken und Wollust ein.
Als die Naturalwirtschaft vorherrschte, verschenkten die Klöster ihren Überschuss an jene, die es dringend benötigten. Was sollten sie auch sonst damit tun?
Jedoch mit dem Aufkommen der Geldwirtschaft sollte sich das ändern. Der Überschuss konnte an irgendjemand verkauft werden. Geiz löste die Mildtätigkeit ab.
Vergessen waren die Zeiten, in denen man sich zur Armut verpflichtet hatte.
Man setzte alles daran, reiche Leute als Mitglieder in die Orden zu bekommen, um den Reichtum zu vermehren. Arme konnten draußen bleiben.
Der Adel schenkte und stiftete auf Teufel komm raus. Nur ein Bruchteil davon geschah aus wirklicher Frömmigkeit. Die Klöster wurden als sehr guter Ort angesehen, um die zweitgeborenen Söhne und unverheirateten Töchter abzuschieben. Zukünftige Mönche und Nonnen, denen Worte wie Armut, Keuschheit, Beten am Allerwertesten vorbei gingen.
Schritt für Schritt schlitterte die Kirche in eine Krise.

Früher vom Volk geliebt, wurde sie nun von jenen, denen sie einst helfen wollten und nun ausbeuteten, verächtlich angesehen und der Unmut wuchs von Tag zu Tag.
Der Höhepunkt war wohl der Reliquienkult und Ablasshandel, in dem man sich von seinen Sünden loskaufen konnte und den Reichtum des Klerus vermehrte.
Es gab keine Sünde, für die man sich nicht loskaufen konnte.
Kurfürst Friedrich III. der Weise von Sachsen (1463 - 1525) besaß 5005 gesammelte Reliquien in Wittenberg. Ein jedes von ihnen gewährte 100 Tage Ablass.
Kardinal Albrecht von Mainz (1490 - 1545) hatte in Halle 8933 Reliquien verstaut, die mehr als 39 Millionen Jahre Ablass gewährten.

Die Meinung über Rom wurde immer negativer. Den Renaissancepäpsten, die Prunk, Luxus und Verschwendung lebten, ihre Begierden an Mätressen stillten, mit ihnen Kinder hatten, weltliche Machtpolitik betrieben, wurden viele Dinge nachgesagt.
"Wenn eine Hölle ist, so steht Rom drauf."
"Dem heiligen Geist sind in Rom die Flügel beschnitten."


Unzählige Witze wurden über das Treiben im Kloster gemacht.

"Der Mönch scheut die Arbeit, wie der Teufel das Kreuz."; "Graben kann ich nicht, arbeiten mag ich nicht, ich muss betteln, sagt der Mönch"; "Müßiggang ist aller Klöster Anfang"; "Der Heinrich sieht nicht wohl und kann nicht reden, drum muss er ein Pfarrer werden"; "Nonnen fasten, dass ihnen die Bäuche schwellen"; "Ich kreuzige mein Fleisch - sagte der Mönch, da legte er Schinken und Wildpret kreuzweis aufs Butterbrot.

All diese Faktoren sollten es sehr erleichtern dass die Kirche der erotischen Expansion der Renaissance nicht widerstehen konnte und auf nahrhaften Boden stieß.

Im 11. Jahrhundert verhängte Papst Gregor VII. auch Eheverbote für den hohen Klerus.
Auch der hohe Klerus sollte nun in Keuschheit leben und seinen natürlichen Geschlechtsdrang ignorieren.
Im 14. Jahrhundert brach die Diskussion um das Zölibat wieder aus. Viele Priester forderten das Ende der Keuschheit.

Der französische Kirchengelehrte Gerson rechtfertigte das unkeusche Leben des Klerus:
"Verletzt ein Priester das Gelübde der Keuschheit, wenn er eine unzüchtige Handlung begeht? - Nein! Das Gelübde der Keuschheit bezieht sich bloß auf das Nichteingehen einer Ehe. Ein Priester, der also die stärksten Unzuchtsdelikte sich zuschulden kommen lässt, bricht, wenn er es als Unverheirateter tut, das Keuschheitsgelübde nicht."

Gerson machte aber auch Einschränkungen:
"Die Werke der Unzucht nur im geheimen zu üben, nicht an Sonntagen, und nicht an heiligen Orten, und nur mit Unverehelichlichten."

Den Kontakt zu Prostituierten rechtfertigte er so:
"Es ist zwar ein großes Ärgernis für die Pfarrkinder, wenn der Pfarrer mit einer Konkubine Beischlaf pflegt; aber ein weit größeres ist es, wenn er die Keuschheit seiner Pfarrtöchter verletzt."

Viele Priester sahen sich in den Worten Gersons bestätigt und hielten sich Konkubinen. Das Papsttum schritt nicht dagegen ein, denn einerseits konnte dadurch kein Kirchenbesitz verloren gehen, und andererseits führte Rom den Hurenzins ein und verdiente noch etwas an seinem sexuell aktiven Klerus.
Jetzt waren sogar Priester, die keusch lebten und somit kein Geld an den Bischof zahlen mussten, ein Ärgernis.
Papst Sixtus IV. löste das Problem, indem er den Hurenzins von allen forderte, egal ob die Person unkeusch lebte oder nicht.
Von Zeit zu Zeit bekamen einige Kirchenobere Gewissenbisse und sie forderten den Klerus auf, ihr Treiben nicht in der Öffentlichkeit, sondern im Geheimen zu treiben und erließen Bußstrafen. Geld konnte man immer brauchen.

1563 wurden Klöster in Niederösterreich inspiziert. In allen fand man Konkubinen, Eheweiber und Kinder.
Im Benediktiner Kloster in Schotten gab es 7 Konkubinen, 2 Ehefrauen und 8 gezeugte Kinder, in Garsten 12 Konkubinen, 12 Ehefrauen, in Klosterneuburg 7 Konkubinen, 3 Ehefrauen und 14 Kinder. Die 40 Nonnen in Aglar hatten 19 Kinder.

Das Volk wusste vom ausschweifenden Leben hinter den Klostermauern.
Hure und Nonne war für sie ein und dasselbe.
"Wenn der Pater wiehert, so tut die Klosterfrau den Riegel weg."
"Es sind nur drei keusche Nonnen gewesen: die erste ist aus der Welt geloffen, die andere im Bad ersoffen, die dritte sucht man noch."


Der Geheimschreiber Burckhardt beschreibt Rom als eine Stadt, in der fast alle Klöster Bordellen gleich kämen. Jedoch hatte nicht nur Rom das Monopol auf die Orte. Auch in Deutschland, Frankreich und Spanien gab es unzählige dieser Orte.
Adelige die auf Reisen waren, stiegen nachts am Liebsten in Nonnenklöstern ab, wo man sich besonders gerne um die Gäste kümmerte.

In etlichen Schwänken wird von Festen in Klöstern berichtet, die tagelang dauerten und in Orgien endeten.
Im Frauenkloster zu Söflingen bei Ulm wurde es so arg getrieben, das die Bevölkerung kurz vor dem Aufstand war. Um das zu verhindern wurde eine offizielle kirchliche Visitation durchgeführt.
Man fand in den Zellen der Nonnen Briefe mit pornografischen Inhalt, Nachschlüssel, weltliche Kleidung und viele schwangere Nonnen.
Das wiederum war den Mönchen ein Dorn im Auge. Sie mochten es nicht, wenn die Nonnen es mit Weltlichen trieben, und wollten sie für sich selbst.

Die breite kirchliche Basis hatte in ihren Kirchenfürsten auch ein Vorbild, nach dem sie sich richteten. Das Volk sprach statt "seiner römischen Heiligkeit" von "seine hurerische Heiligkeit". Kardinäle waren die "unzüchtigen Hunde."

Paul III. vergewaltigte eine junge adelige Dame, als er noch päpstlicher Legat war und trieb Blutschande mit einer seiner Schwestern.
Bonifaz VIII. hielt zwei Nichten als Maitressen.
Pius III. hatte zwölf Kinder von verschiedensten Frauen.
Alexander IV. feierte als Kardinal von Siena Orgien, die als Bälle getarnt waren.
Viele Päpste waren von der Syphilis gekennzeichnet.
Die vornehmsten und schönsten Kurtisanen Italiens arbeiteten im Rom.

Die Priester hatten aller Orts ein Auge auf die Bauern- und Bürgersfrauen geworfen.
Um zu bekommen, was sie wollen, missbrauchten sie auch die Beichte, wo es nicht nur ihr Recht, sondern auch Pflicht war, intime Fragen zu stellen.
Im 16. und 17. Jahrhundert wurden Beichtvorschriften als Leitfaden an die Priester vergeben, die der Priester präziser nachfragen konnte.

Ein Auszug aus einer Beichtvorschrift mit dem Thema Geschlechtsleben aus dem 17. Jahrhunderts:

Fragen des sechsten Gebotes für Frauen:
  • Hat dich irgendein verheirateter Mann verführt?
  • Hat dich irgendein lediger Mann verführt?
  • Hast du die Päderastie mit deinem Manne oder einem anderen begangen?
Diese Frage muss mit großer Vorsicht gemacht werden:
  • Hast du die Sodomie mit Hunden oder anderen Tieren begangen?
  • Hat dich nach einem verheirateten oder ledigen Mann verlangt? Wievielmal nach einem verheirateten, und wievielmal nach einem ledigen?
  • Pflegst du zwischen verheirateten oder ledigen Personen zu kuppeln und wievielmal in jedem Falle?
  • Bist du unanständig und zotig im Sprechen?
  • Pflegst du verführt zu werden von deinem Onkel, Neffen, irgendeinem Verwandten deines Mannes oder Gevatter, oder hast du eine Jungfrau übergeben, damit sie irgendein Mann entehrt?
Dem Priester war es ein Leichtes aus den Sünden Tugenden zu machen, an seinem Opfer eine Gehirnwäsche zu vollführen und sie an Ort und Stelle zu vernaschen, um ihnen in der Form die Absolution zu erteilen.

Im Jahre 1617 wurde vom Erzbischof von Cambrai die Verordnung erlassen, dass die Beichte von Frauen in der Sakristei zu unterlassen sei und auf einem freien Platz in der Kirche zu vollziehen sei und bei Dunkelheit Licht angezündet werden soll.
Viel brachte diese Verordnung nicht. Die Priester gingen zu ihren Pfarrkindern nach Hause und nahmen die Beichte in deren Betten vor.
"Zwangsbeglückungen" von weiblichen Gemeindemitgliedern durch Priester und Mönche waren keine Seltenheit.

Das älteste Gewerbe der Welt

In einer Zeit in der man nicht aus Liebe heiratete, nicht jeder heiraten konnte, Geistliche jedem Rock nachjagten, und Erotik allgegenwärtig war, hatte die Prostitution einen wichtigen Stellenwert in der Gesellschaft.
Man sah in den Freudenhäusern sogar eine Einrichtung zum Schutz der bürgerlichen Ehe, da ledige Männer ihre Befriedigung nicht gezwungenermaßen an frommen Jungfrauen und verheirateten Frauen befriedigen mussten, sondern bei den Töchtern der Venus.

Die Legalisierung der Prostitution wurde zwar mit dem Schutz der Ehe und Keuschheit begründet, aber der Hauptgrund war es, ein Mittel zu haben, um jederzeit die Genüsse der Männer befriedigen zu können.

Kleine Städte hatten ein bis zwei offizielle Frauenhäuser.
Eine größere Stadt besaß ein Frauengässchen, und eine Großstadt oder Hafenstadt hatte ein eigenes Viertel, wo man die Dirnen entweder auf der Straße oder in den Freudenhäusern finden konnte. Zahlreiche Gasthäuser und Badehäuser waren gleichbedeutend mit Bordellen.
In Rom gab es die meisten Bordelle und tausende von offiziellen Huren die "honestae meretrices" und eine noch größere Anzahl von Frauen die im geheimen als "inhonestae" dem Beruf nachgingen.
Die Tatsache, dass pro Jahr Zehntausende von Klerikern in die Stadt strömten, die wochenlang oder gar monatelang in der Stadt blieben, und so Rom zur Stadt mit der Anzahl der meisten ledigen Männer machten, begünstigte diese Entwicklung.

Sobald es irgendwo ein Konzil oder Reichstag gab, strömten in Massen die Dirnen dort hin.
Jedoch nicht nur die offiziellen "ehrliche Huren" gingen dort ihr Geschäft nach, auch etliche "unehrliche" Bürgersfrauen und Töchter die nebenbei etwas dazu verdienten, wenn hohe Amtsträger in ihre Städte strömten.
Beim Verlassen der Stadt Lyon sagte Kardinal Hugo de St. Oaro zu den Bürgern:
"Freunde, ihr seid uns großen Dank schuldig. Wir sind euch nützlich gewesen. Als wir hierher kamen, fanden wir nur drei oder vier Bordelle vor. Jetzt aber, bei unseren Weggehen, lassen wir nur ein einziges zurück, das von den östlichen Tore der Stadt bis zu dem westlichen reicht."

Leerten die Freudenhäuser auf der einen Seite die Geldbörsen der Freier, füllten sie auf der anderen Seite die städtische, kirchliche oder fürstliche Kasse. Als Steuerquelle warf die Prostitution viel ab. Auch die hohen Geldstrafen für Übertretungen der aufgestellten Regeln für das Hurengewerbe füllten die Kassen der Herrschenden.
Nicht jeder konnte von heute auf morgen ein Bordell eröffnen. Die Konzession musste vorher mit viel Geld bezahlt werden.

Hand in Hand mit dem Beruf der Hure geht der Beruf der Kupplerin und des Kupplers.
Sie stellten oft den Kontakt zwischen Freier und Dirne her.
Kupplerinnen waren meist ehemalige Dirnen, die zu alt für die aktive Arbeit waren.
Kuppler sind mit den heutigen Zuhältern zu vergleichen, die ihre Mädchen vor Übergriffen beschützen sollten. In vielen Fällen traten die Mütter, Väter oder Ehemänner der Frauen als Kuppler oder Kupplerin auf.

Die vielen Feste der Renaissance kamen ohne die Dirnen als Stimmungsmacher gar nicht aus und wären unvorstellbar gewesen.
Sie wurden von den Organisatoren, meist den Vätern der Stadt, angeheuert.
Ihre erste Aufgabe war es, wenn das Fest in der warmen Jahreszeit stattfand, Blumen auf die Straßen zu streuen und ins Publikum zu werfen.
Sie waren es auch, die hohe Gäste nackt empfingen und Gedichte vorlasen. Wenn es zu den Tänzen kam, standen sie als Tanzpartnerinnen zur Verfügung, während die stolzen Patrizierinnen vom Balkon nur Zuschauer waren. Sie führten bacchantische Tänze auf und nahmen an Schönheitswettbewerben teil. Abends wurde Festaktivität in das Frauengässchen und die dazugehörigen Freudenhäuser verlegt. Auf Kosten der Stadt konnten sich die Gäste dort vergnügen.

Kamen offizielle Gesandte in die Städte, um Geschäfte mit der Stadt abzuschließen, wurde ihnen von den Stadtvätern eine Dame des horizontalen Gewerbes zur Seite gestellt.
Bei Volksfesten fielen den Dirnen die gleichen Aufgaben zu wie bei den Festen an den Fürstenhöfen. Bei Hochzeitsfeierlichkeiten von Patriziern teilte man den Stadtdirnen einen eigenen Tisch zu und bewirtete sie auf Kosten des Bräutigams.

Doch nicht jedem war der Gang ins Freudenhaus gestattet.
Der verheiratete Kleinbürger, Mönch und Jude hatten per Ratsbeschlüsse dort nichts zu suchen. Jedoch fanden die Frauenwirte immer einen Weg, eine Dirne in das Bett eines verheirateten Manns zu bringen, was etliche Prozessakten beweisen.
Witwer durften offiziell wieder mit Dirnen verkehren, jedoch hielten die sich am liebsten heimliche Dirnen, die man offiziell als Haushälterin anstellte.

Der städtische und höfische Adel verheimlichte gar nichts. Sie zeigten offen ihre Beziehungen zu Kurtisanen und behandelten diese als Luxusobjekte.
Er mietete ihr ein Haus, bezahlte ihr die Dienerschaft, kaufte Pferde und Wagen, Kleidung und kostbaren Schmuck. Die Mätresse war Teil des offiziellen Prunkes.
Sehr Reiche hielten sich mehrere Mätressen gleichzeitig. Man borgte sie an seine Freunde aus. Oft hatte eine Kurtisane mehrere "Freunde".
Die berühmtesten Kurtisanen Italiens fand man in Florenz, Venedig und Rom.
In Florenz gab es den größten Prunk, in Venedig den größten Reichtum und in Rom die höchste Genussbefriedigung.

Die Königinnen unter den Kurtisanen Italiens waren die grande Cocotte oder grande Puttana.
Die mächtigsten und reichsten Männer buhlten um ihre Gunst. Sie konnten an Prunk und Hofstaat mit Fürstinnen wetteifern. Eine Nacht mit ihnen kostete ein fürstliches Vermögen.
Sie hatten es nicht nötig, auf der Straße ab und auf zu gehen, oder freizügig am offenen Fenster zu sitzen, um Kunden zu gewinnen.

Die grande Puttana musste mehr beherrschen als nur die sexuellen Wünsche ihres Kunden zu befriedigen. Sie musste in der Lage sein, Gedichte und Lieder vorzutragen, oder gar selbst zu verfassen, Gespräche über Kunst und Kultur zu führen.

Die Tatsache, dass die Prostitution allgegenwärtig war, bedeutet nicht, dass Sittenprediger sich geschlagen gaben und schwiegen. Man gab den Huren die Möglichkeit, in besonderen Klöstern Buße zu tun.

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zeichnete sich jedoch eine sittliche Wende ab, die nicht nur durch den Einfluss der Reformation zustande kam.
Durch eine wirtschaftlich schwache Phase wurde der Kapitalisierungsprozess aufgehalten. Staaten sind am Rande des Bankrotts.
In solchen Zeiten gibt man sein hart verdientes Geld kaum für prunke Kleider, Schmuck und Liebesdienerinnen aus.
Ein weiterer wichtiger Faktor war der Siegeszug der Syphilis durch Europa. Man wusste, dass man sich die Krankheit durch Geschlechtsverkehr holte. Endlich wurde der Forderung der Kirche nach der Schließung von Badehäusern und Freudenhäusern als Orte der Ansteckung nachgekommen. Etliche Männer gingen aus Angst freiwillig nicht mehr hin und so mussten viele Frauenhäuser ohne Kunden von selbst schließen.

Das gesellige Leben

Einen Ort für das gesellige Zusammensein fand man in den Spinnstuben, die man auch unter den Namen Rockenstuben, Kunkelstuben, Heimgarten und Lichtstuben kannte.
Ältere und jüngere Frauen des Dorfes trafen sich dort zum Spinnen.
Der Zutritt war aber auch jungen Burschen gestattet.
Der Brauch forderte es, dass ein jeder Bursche hinter seinem Mädchen saß, und die Spreu, die beim Spinnen entsteht, von ihrem Schoß entfernt. Eine willkommene Möglichkeit, um sie anzugrapschen.
Sittenprediger klagten gegen den Brauch. Die schlechte Beleuchtung in der Spinnstube, in der meist nur ein Kienspan als Beleuchtung diente, förderte die schmuddelige Atmosphäre.
Ging mal "zufällig" das Licht aus, wurde die Situation sofort ausgenützt und es kam im Schutz der Dunkelheit zu Orgien, die man an manchen Orten auch "Rammelnächte" nannte.
Die Obrigkeit versuchte mit Erlassen dagegen vorzugehen, da es häufig auch zu Eifersüchtelein zwischen den Burschen kam und das in zünftigen Schlägereien endete. Die Verbote fruchteten jedoch nicht wirklich.

Ein anderer Ort des geselligen Lebens war die Badestube. Man sah im Baden und der hygienischen Reinigung eine Notwendigkeit, um die Gesundheit zu schützen. Ironischerweise holten sich viele durch die langen Badehausaufenthalte Hautentzündungen, wie den Badeausschlag, was jedoch wiederum als Grund genommen wurde, ein Badehaus zu besuchen.
Oder lag es doch eher an der Tatsache, dass man nirgends so leicht nacktes Fleisch zu sehen bekam?
Der Mann trug höchstens einen knappen Lendenschurz. Wenn er aus dem Wasser stieg, bedeckte er seine Geschlechtsteile mit einem kleinen Reisigbündel.
Frauen trugen einen Badehr, einen Schurz, der knapp das Notwendigste bedeckte.
Wichtiger war das Tragen von schönen Halsketten und Armbändern im Bad. Bis zum 14. Jahrhunderten badeten Mann und Frau zusammen. Erst ab dem 15. Jahrhundert wurden an vielen Orten Verordnungen erlassen, in denen man das gemeinsame Bad untersagte und Tage festsetze, an denen Frauen ins Bad durften.

Man war der Meinung, dass nur langes und häufiges Baden der Gesundheit dienen würde und so musste man für Rahmenprogramm sorgen.
Es wurde gesungen, musiziert, gegessen und getrunken.
Das Bad war die günstigste Gelegenheit für das Flirten.

Es war nicht unüblich, dass der Abschluss von Hochzeitsfeiern im Badehaus stattfand. Im Schlepptau mit den Gästen zogen die Brautleute ins Bad, wo man sich reinigte und weiter zechte, tanzte und spielte.
Etliche Erlasse und Verordnungen zeugen davon, dass es in den Bädern wild zuging, und die Berichte nicht die Erfindung von Sittenpredigern waren. Gegen etwas, das nicht existiert, braucht man ja keine Gesetze zu erlassen, denn wenn der Wein die letzte Hemmung genommen hatte, und die Stimmung am Kochen war, waren nackte Bälle und Orgien keine Seltenheit mehr.

Badehäuser gab es nicht nur in den Städten, sondern auch die Dörfer besaßen eines.
An jenen Orten, wo das gemeinsame Bad verboten war, half man mit anderen Mitteln aus.
Frauen wurden von Badeknechten, Männer von Bademägden bedient, die professionelle Dirnen waren. Die Dirnen bekamen sogar Kammern vom Bademeister, in denen sie ihre Kunden weiter bedienen konnten.

Vornehme und reiche Leute ließen sich zu Hause eine Hausbadestube einrichten.
Die Hausbadestube war nicht nur für Familienmitglieder da. Man führte seine Gäste hin, nahm gemeinsam ein Willkommensbad und unterhielt sich, während man von Mägden bedient wurde.
Die Frauen des Hauses verwendeten das Heimbad am liebsten, um ihre Geliebten dort zu empfangen.
Die Badezimmer der reichen Patrizier in ihren Häusern, in den Palästen der Adeligen und des hohen Klerus waren kostbar ausgestattet. Der Boden mit Marmor belegt, kostbare Wannen, Gemälde bekannter Künstler an den Wänden, Polster auf den Bänken.
Im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert bevorzugten sie ihre Heimbadestuben. In die öffentlichen Bäder ging nur noch das mittlere und niedere Volk.

Jene die es sich leisten konnten, reisten zu Heilbädern, um sich dort auszukurieren.
Der Sittenprediger Heinrich von Langenstein klagt an:
"Wenn man angekommen ist, werden Gasterein veranstaltet, man sucht der Frauen Gesellschaft, geht ins Bad, wäscht den Leib, befleckt die Seele. Man geht heraus, und es schmettern die Trompeten, erklingen die Pfeifen, beginnen die Tänze. Da werden de keuschen Augen der Zuschauer vorgeführt die Schauspiele der Verderbnis, nämlich die wollüstigen gebärden, die unzüchtigen Kleider beider Geschlechter. Da sieht man ei den Frauen die Blöße des Busens, bei den Männern die Entblößung des Gesäßes, überall Ausschweifung, durch ein keuscher Sinn beleidigt wird. Was mehr? Hier sieht man lauter Eitelkeit und Zerrüttung, keine Frömmigkeit, keine Ordnung, hier ist Gottvergessenheit, hier ist Tugend verbannt, es gibt keine Schamhaftigkeit, es fehlt das Maßhalten, es herrscht die Genusssucht, es rast die Wollust. Bei diesem Feste des Bauches, oder richtiger diesem öffentlichen Hause der Venus, diesem Spielwerk des Teufels, wirst du wunderbare Ungeheuer sehen: wenn der Mönch im ritterlichen Kleide sich sehen lässt, der Ritter der Mönchskutte, die Nonne im Anzug im öffentlichen Dirne, der Geistliche in Frauenkleider. Da werden versteckt Küsse gegeben: es küssen sich Männer und Weiber. Im Bade sitzen sie nackt mit Nackten beisammen, nackt mit Nackten tanzen sie."

Die Leute die zu diesen Badeorten kamen, waren international. Ein Haufen Dirnen und Kuppler, die das große Geld witterten. Mönche, Priester und Nonnen gehörten zu den Badegästen. Fern von ihrer Heimat konnten die Menschen dort unter Fremden sprichwörtlich die Sau rauslasen und zu Hause wieder ein gesittetes Leben führen.
Dies war auch ein Grund, warum viele ehrbare Bürgerfrauen zu den Badeorten reisten.
Guarinonius schreibt 1610: "Viele Frauen gehen nach Hall, weil sie dort lustig ihren Ehemännern eine wachsende Nase drehen konnten."
"Das Bad und die Kur war allen gesund, Denn schwanger ward Mutter und Tochter, Magd und Hund."


Am Ende des 16. Jhr. schaffte es die Kirche und sexuellübertragende Krankheiten wie die Syphilis doch noch überall den Leuten das Baden zu vermiesen, und die Badestuben zu schließen. Auch die Heimbadestuben wurden nicht mehr so oft benutzt bis man es am Ende ganz ließ und sich lieber mit starken Parfums begnügte.
Der Arzt Hieronymus Cardanus schrieb in seinen Memoiren: "Männer und Frauen, auch solche, die zu gefallen pflegen, wimmeln von Flöhen und Läusen, andere stinken aus den Achselhöhlen, andere von den Füßen, die meisten aus dem Munde."

Dass die Erwachsenen gerne spielten, wurde schon des Öfteren erwähnt. Die Spiele hatten einen erotischen Hauptinhalt.
"Das Umstoßen", "Der Kussraub", und "Der Schäfer von der neuen Stadt" waren solche Spiele.
Beim "Umstoßen" ging es darum, den Gegner aus dem Gleichgewicht zu bringen. Frauen saßen auf dem Rücken eines am Boden knienden Mannes, während der Mann frei stand.
Da Frauen keine Unterkleider trugen, ging es im Grunde nur darum, dem Zuschauer die Beine und Schenkel oder mehr unter dem Rock zu zeigen. Doch auch beim Mann kam es zu Entblößungen. Der Höhepunkt war, wenn die Frau mit den Beinen nach oben, rückwärts auf den Boden fiel.
Gespielt wurde in allen Gesellschaftsschichten.

Der Tanz war die Steigerung des Spiels.
Die beliebtesten Tänze der Renaissance waren jene, in denen wild herumgesprungen, die Tänzerinnen herumgewirbelt und geschwungen wurden. Die Röcke der Damen wurden hochgewirbelt, die Männer stampften johlend auf den Boden.
Der beliebteste Tänzer war der Mann, der die Frau am kühnsten herumzuschwingen verstand.
Für die Frau gab es keine größte Ehre, wenn sie keinen Tanz auslassen musste.

Sehr beliebt war beim Tanzen das "Verködern".
Beim Tanzen stürzte ein Paar und riss alle anderen mit. Am Boden erstand ein Wollknäuel von übereinander liegenden Menschen. So konnten leicht Orgien entstehen, die Behörden mit Umwerfverboten zu verhindern versuchten. Behörden sendeten Zensoren zu den Veranstaltungen, die aufpassen sollten.

Der Tanz war die beste Gelegenheit, um sich gegenseitig berühren zu können.
Man küsste die Damen nicht nur auf den Mund und die Wange. Die größte Huldigung war der Kuss auf den Busen und der Griff ans Mieder.
Eine Frau, der das entging, stand im Mittelpunkt des Spottes.

Eines der wichtigsten Volksfeste der Renaissance waren die Kirchweih oder auch Kirtag genannt. Die Kirche war es, die alle Stände beim Fest vereinte und daraus ein richtiges Volksfest für alle machte.
Ein weiteres wichtiges Fest war die Fastnacht.
An manchen Orten wurden Phallussymbole in einer Prozession auf den Straßen herum getragen. Durch die Vermummung und das Tragen von Masken fühlte man sich in eine gewisse Anonymität versetzt und man konnte sich mehr als sonst leisten.
Alles das konnte und durfte man, denn man kannte sich ja offiziell nicht.
Kinder, die im November zur Welt kamen, nannte man "Fastnachtskinder" und man ging immer davon aus, dass sie zwei Väter hätten.
Dem Ausnützen der Anonymität wurde an manchen Orten ein Maskierverbot, oder Erlaubnis nur für bestimmte Gruppen, entgegengesetzt.

Der Brauch des "Pflugziehens" war weit verbreitet. Die Burschen trieben die Jungfrauen zusammen, spannten sie vor einen Pflug, auf dem ein Pfeifer saß und trieben sie in einen See oder Fluss.
Die Jungfrauen die im letzten Jahr keinen Mann bekommen haben, sollten so verhöhnt werden.
Die wichtigsten Zeugnisse über die Fastnacht finden wir in den derben heiteren Fastnachtspielen, in denen humoristisch sexuelle Themen diskutiert wurden. Es fanden auch Mysterienspiele statt, bei denen Christus nackt ans Kreuz geheftet wurde, oder die Jungfrau Maria einer schwangeren Äbtissin hilft. Themen wie Massenvergewaltigungen, Massenverführungen und Blutschande durften nicht fehlen.
Zurück: ModeMode InhaltsverzeichnisInhaltsverzeichnisInhaltsverzeichnis Weiter: SpitznamenSpitznamen