Spitznamen

Die Namensentwicklung

Das Aufkommen der Spitznamen in der Frühen Neuzeit geht Hand in Hand mit der vermehrten Durchsetzung der Familiennamen.
Die Wichtigkeit der Familiennamen stieg mit der Bevölkerung und der stärkeren Urbanisierung. Daraus resultierte, dass mehr Menschen auf engeren Raum als im Mittelalter lebten und die kommunikativen Anforderungen stiegen.
Einfache Rufnamen reichten nun nicht mehr aus. Die feudale Nachbenennungspraxis des Mittelalters hatte dafür gesorgt, dass in Köln des 12. Jahrhunderts 823 Bürger Heinrich hießen, 639 Hermann und 497 hörten auf Dietrich.

Die Einführung der Doppelnamigkeit half da schon für die größere Differenzierung weiter.
Die ersten Familiennamen dieser Zeit gingen aus den individuellen Beinamen heraus, die unter den Nachkommen der ersten Träger erblich wurden.
Eine Möglichkeit war das die Berufsbezeichnung sich zum Familiennamen wandelte.
Der Herkunftsort eines Menschen kam genauso als Familienname in Frage.
Genauso war es möglich, dass der Name der Mutter oder des Vaters an den Nachkommen für die Namenserweiterung vererbt wurde.

Aus diesen Möglichkeiten gingen die Familiennamen hervor. Zuerst bei der Oberschicht und dem Händlerstand. Ein Händler brauchte bei einem Geschäftsabschluss einen Namen der ihn zweifelsfrei identifizierte und mit dem er auch haftete.
In großen Städten wie Nürnberg gab es schon im 13. Jahrhundert die Doppelnamen. In den nächsten zwei Jahrhunderten setzten sie sich auf breiter Basis durch. Im stärker urbanisierten Westen schneller als im Osten, in der Stadt früher als am Land.

Obwohl im 16. Jahrhundert die Familiennamen schon allgemein eingeführt waren, heißt das noch lange nicht, dass sie sich vollkommen durchgesetzt hatten. Noch immer gab es das Gewohnheitsrecht, dass man sich nennen konnte wie man wollte. Erst die Einführung der Tauf-, Ehe- und Sterbematrikeln der Amtskirchen schoben dieser Gewohnheit den ersten Riegel vor.
Im Buch des Kölner Bürgers Hermann Weinsberg werden 22 Möglichkeiten aufgezählt wie man seinen Namen ändern kann. Der Wohnortwechsel war eine Möglichkeit, aber auch die Hoffnung auf die Verbesserung des sozialen Status.
1442 war dem Augsburger Kaufmann und Bürgermeister Peter Egen sein Name nicht edel genug und so nannte er sich fortan Peter von Argun.
Die Administration der aufkommenden modernen Staatlichkeit erhob den Familiennamen in den offiziellen rechtlichen Status den er heute noch hat.
An manchen Ort früher als an anderen.
1662 wurde das willkürliche Wechseln in Sachsen und 1677 in Bayern verboten. In Preußen und Österreich gab es so ein Gesetz erst um das 18. Jahrhundert herum.

Der Familienname hatte für die Menschen etwas bürokratisch aufgezwungenes. Der Vorname wurde im Laufe der Zeit für den privaten und der Familienname als administrativ-öffentlicher Gebrauch innerhalb der aufkommenden bürgerlichen Gesellschaft gebraucht.
Innerhalb dieser Aufteilung schafften es die Spitznamen sich als Rufnamen in den Vordergrund zu drängen.

Obwohl im Adel und innerhalb der Akademiker (Luther wurde Luder, Cochläus zu Dr. Rotzlöffel) sich Spitznamen großer Beliebtheit erfreuten, waren sie vor allem Teil der Volkskultur.
Mit dem Spitznamen konnte man Charakter und gesellschaftliches Verhalten eines Menschen aufdecken. Er drückte Sympathie und Antipathie gegen über einer Person aus, die im letzteren Fall zu Sanktionen innerhalb der Gesellschaft führen konnte. Eine Gesellschaft in der es noch kaum private Tabus gab und ein jeder über den anderen vieles wusste und es auch weiter sagte.

Der Volkskundler Friedrich Bock hat 3000 Spitznamen, die in Nürnberg verwendet wurden, aus den Jahren zwischen 1200 und 1800 gesammelt und untersucht.
Viele Namen weisen auf den Körper hin, was logisch ist, da die körperliche Erscheinung das erste ist was einem an seinem Gegenüber auffällt.
Groß, klein, kurz, lang, dick, dünn, alt, jung, verschiedenste Haarfarben, Glatze, kraushaarig, Sommersprossen, lahm, bucklig, blind, einäugig usw. usf.

Der buckelte Jackel (1599), Konrad "Der Schart" Heckmann, Hanse Fladenmaul, Ainhendlein (1578), Achtfingerla, Hans mit dem bösen Fuß, Abt Linhart mit der pösen Nase;
Heute werden sich Menschen hüten, jemanden öffentlich so zu nennen.
Damals waren jedoch Leiden, Schmerz und Entstellungen nicht öffentlich tabuisiert und der Anblick eines Krüppels auf der Straße führte nicht dazu, dass man peinlich berührt den Blick abwandte. Das war der damalige Umgangston und die Grenze zu Schimpfnamen blieb in der Regel unangetastet.

Beispiele für Schimpfnamen sind "Hirnlos" (1341), "Hotzenbalg" (1227) für ungepflegte "Bauernschädel" die in die Stadt kamen.
"Ofenloch" (1350), "Flöhbeutel" (1585) für dreckige Menschen.
Der "Votzenhennsa" ein schlimmer Weiberheld.
Bei extremen Etikettierungen muss man aufpassen, dass nicht das genaue Gegenteil gemeint ist.
"Der fromme Zamesser" hat die Kirche wohl nicht oft von innen gesehen, das Dienstmädchen Anna Dietmair der "Heilige Geist" hatte wohl auch nicht viel mit der Religion in Sinn.
"Die Milchsuppe" (1609/10) war der Spottname eines bekannten Säufers.

Die Ironie in vielen der Namen nahm vieles von der Schärfe. Wem ein Spitzname aufgedrückt wurde, konnte sich sicher sein, dass er Teil der Gemeinschaft war. Schlimmer wäre es gewesen, wenn man keinen Spitznamen hatte.
Es sind nur wenige Fälle bekannt in denen eine Person gegen seinen Schimpfnamen vorging. Ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, als die moralische Offensive der nachreformatorischen Allianz zwischen Kirche und Staat, die innerhalb der Bevölkerung eine Vorstellung von Ehre und Ehrbarkeit durchzusetzen begann, gab es einige die vor Gericht gingen.
1607 verklagte der Nürnberger Rotschmiedsdrechslergeselle Hans Mayer zwei Kollegen, weil sie ihn während des Essens "Totenkopf" genannt haben.
Die beiden verteidigten sich vor Gericht damit, dass der Name eine Erfindung des Meisters gewesen ist.

Gerade in den Handwerkszünften war es Brauch sich Spitz- und Necknamen zu geben. Meist war sie mit der Gesellentaufe verbunden und in Form von charakteristischen Arbeitsgeräten oder auffälligen Körperbewegungen bei der Arbeit. Ein Kupferschmied in Dachau wurde 1478 "Schwingenköszl" genannt, ein Hafner aus Heilsbron (1659) "Ofenwölflein".

Lieblingsspeisen, Ess- und Trinkgewohnheiten mussten auch als Spitznamen herhalten.
Der Stadtrichter "Bratwurststromer", "Hirnwurst", der dicke "Semmelbauch", "Stürtzenbecher", der "Schlucker", "Bierarsch", der Wirt "Weinschnabel", "Füllbauch", Frißenstriezel, "Saufaus";

Spitznamen die auf Kleider bezogen waren, gab es weniger, was wohl daran liegen muss, dass man kaum Differenzierungsmöglichkeiten bei der Gewandung der unteren Schichten hatte. Wenn es welche gab, dann ging es um Lieblingsfarben einer Person so wie beim Landstreicher "Grünwammes".

Eine lange Tradition haben Spitznamen bei Seemänner, die nicht nur für sich selbst Namen ausgedacht haben, sondern auch keine Scheu hatten, die Obrigkeit mit diesen zu betiteln.

Je mehr das Großbürgertum die "Ehrbarkeit" in den Vordergrund stellt, desto mehr wird ein bestimmter Teil der Gesellschaft an den Rand und Richtung Unterwelt gedrängt.
Es ist die Welt der Diebe, Räuber, Bettler, Prostituierte, kleine Kriminelle, Kneipenwirte, Taglöhner, Fuhrleute, Dienstboten und Soldaten.

Während sich die bessere Gesellschaft von den Spitznamen abwand, trugen die letzteren diese mit Stolz, als ob es sich um Namen handeln würden, die auf ihre Abstammung von Äneas oder Alexander dem Großen hinweisen würde.

"Nachtnebel", gibt über die Arbeitszeit seines Trägers Auskunft. Der "Kellerhenßlein" raubte mit Vorliebe die Vorratsräume aus. "Hennamerta" war der Taglöhner Martin Herdegen, der in seiner Jugend ein sehr guter Hühnerdieb war. Der "Schneutzenbeutel" war ein Dieb, der fremde Taschen so perfekt ausräumte wie andere ihre Nasen putzten.
Eine gewisse Bewunderung und Respekt lässt sich in diesen Namen erkennen.

Bei Huren hielt man sich mit der Schärfe der Spitznamen zurück, da diese sowieso schon durch Kleidung, Abzeichen usw. genügend gekennzeichnet waren. Eher wurde auf die soziale Hierarchie innerhalb ihres Berufsstandes hingewiesen.
"Dreyhellermagdlein", "Groschenpumpel", "Thalermägdlein", und zuletzt die "Markgräfin", die nur wohlhabende Kunde hatte.

Weniger zimperlich ging man mit Zuhältern um, die nicht gerade sehr beliebt waren.

"Hurenkunz" und "Hurenstefan"

Nachdem einige Spitz- und Spottnamen der unteren Schichten aufgezählt worden sind, kommen jetzt ein paar Beispiele für die oberen Klassen dran, in denen auch so manche Sozialkritik oder auch blanker Hohn und Schadenfreude steckte. So wie im Fall des "Pfaffenhennßlein", der Sohn eines Pfarrers aus Hagenhausen, der sein tägliches Brot als Dieb verdiente.
Der Dieb Leonhard Waltz "Pfaffenliendl" hatte einen Ahnherr der Pfarrer gewesen ist.
Friedrich Pistorius, ehemals Abt von St. Egidien, der wie viele seines Standes nach der Reformation sein Geld mit Schreibarbeiten verdiente, wurde ironisch "der Messhans" genannt um ihn an die vergangenen Tage zu erinnern wo es ihm besser ging.
"Pfaff Rübenschneider" war Mitglied des niederen Klerus, der aus wirtschaftlicher Sicht gezwungen war nebenbei Geld zu verdienen.
Pfarrer Georg Caesar war als "Weinreich" bekannt, da er gerne tief in das Glas schaute.
Seiner Höflichkeit hat der Pfarrer von Pommelsbrunn "Keifsbaum" wohl nicht zu verdanken.

Sehr gerne wurden Pseudoadelstitel verliehen.
"Wolf aus der Findel", war ein gewöhnliches Findelkind.
"Jörg von Pappenheim", ein Dieb.
Die "Kaiserin", Adriana Charpentier, die Frau eines Goldschmiedes, soll bevor sie eine "ehrbare" Ehefrau wurde, eine Gespielin Kaiser Rudolfs II. gewesen sein.
Das hochnäsige Auftreten eines Nürnbergers Rotschmieds konnte nur dem Namen "Herzog" gerecht werden.
Der Metzger Georg Danner wurde "der Junker" genannt, weil er sich so pseudoaristokratisch verhielt. Der väterliche Name wurde an die Tochter vererbt. Sie machte Karriere als Diebin und wurde daraufhin "die diebische Junkherrin" gerufen.
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