Die Stadt

Was ist eine Stadt?

Man kann die Stadt als eine physische Gestalt (Ansammlung von Häusern) sehen oder auch als eine Ansammlung von Menschen.

Kurzer Überblick über die Geschichte der europäischen Städte

Die ältesten europäische Städte, die wir heute Stadt nennen würden, wurden von den Griechen erbaut. Für die Griechen war die Stadt Herrschaft über die Menschen. Sie war Sitz der Verwaltung, Justiz und Sitz des obersten Herrscher der Stadt.

Die Römer gründeten überall dort wo die Griechen noch nicht gebaut hatten ihre Städte. England, Frankreich, Spanien, Deutschland bis zur Limes. Sie bauten streng symmetrisch geometrische Städte nach Plan. Sie waren vor allem Straßenbauer, da sie wussten, dass die Kommunikationswege in einem großen Reich sehr wichtig sind. Die römischen Städte waren der Zentralgewalt Roms unterworfen. Erst mit dem Beginn der germanischen Völkerwanderung wurde der Einfluss Roms in den Städten weniger und sie konnten unabhängiger werden.

Die Zeit zwischen dem 2. und 6. Jhr. n. Chr. war keine sehr gute für die Städte.
Verschiedene germanische Stämme zogen kreuz und quer durch Europa und Attila und seine Hunnen zerstörten lieber die Städte als darin zu hausen. Die (West)Römer zogen sich immer mehr zurück und mit ihnen verschwanden die Macht- und Verwaltungsstrukturen.
Die Germanen hielten nicht viel von den "steinernen Särgen" der Römern.
Erst als im 9/10 Jhr. die Normannen und Ungarn einfielen, sah man ein, dass die Stadtmauern der römischen Städte schon einen Sinn haben. Es sollte aber noch dauern bis man in Deutschland wieder anfing Städte zu bauen.

In Italien und Frankreich wo es eine längere Städtebautradition gab, begann man ab dem 10. Jhr. wieder mit dem Städtebau. Man baute auf den alten römischen Städten. Die Städte wurden nicht zerstört, sondern man nahm sich einfach die Steine die man brauchte und baute sich sein eigenes Haus. Eine richtige Planung gab es nicht. Wer zuerst kam, baute auch zuerst. Aus diesen Städten entwickelte sich die typische mittelalterliche Stadt mit dem Triumvirat Rathaus, Kirche und Marktplatz als Zentrum.

In Deutschland gab es ab der zweiten Hälfte des 12.Jahrhunderts eine Städtebauwelle, die zwei Jahrhunderte anhalten sollte. Im Jahre 1150 wurden 200 Städte gegründet. z.B Freiburg i. Br. im Jahre 1120, Lübeck im Jahre 1143.
1200 entstanden zirka 600 weitere Städte. Der Höhepunkt der Stadtgründungswelle lag um 1220 bis 1350. In dieser Zeit wurden viele Orte in Ost- und Mitteleuropa errichtet. Gegen Ende des Mittelalters gab es schließlich 4000 deutsche Städte, von denen jedoch 90% bis 95% weniger als 2000 Einwohner besaßen. Nur 25 deutsche Städte wiesen mehr als 10000 Einwohner auf.

Leon Battista Alberti
Leon Battista Alberti
Im Italien der Renaissance entdeckt man nach dem lesen alter Schriften die Symmetrie in der Architektur der Antike wieder. Auf dem Reißbrett wurden etliche streng geometrische Modelle der antiken Idealstadt wiederentworfen.
Leon Battista Alberti schrieb 1452 ein zehnbändiges Traktat über die Architektur. Alberti entwarf einen Plan um die Stadt Rom neu zu gestalten. Jedoch wurden die Pläne nicht realisiert und Donato Bramante übernahm die neue Planung. Rom wurde zum Vorbild für alle anderen Städte.
In Deutschland entwickelte vor allem der aus Italien heimgekehrte Albrecht Dürer Renaissancestädte. Bei ihm stand das Schloss im Zentrum der Stadt und die Kirche nur in der Ecke des Planes. Das waren die ersten Entwürfe und Vorboten für die Stadt des absoluten Fürsten.

Strenge Arbeitsteilung?

Gab es eine strikte Aufgabenteilung zwischen Stadt und Land? Die grundsätzliche Aufteilung sah so aus, dass auf dem Land die landwirtschaftliche Produktion stattfand, in der Stadt die handwerkliche Produktion und der Sitz der politischen, religiösen und wirtschaftlichen Führung saß. Jedoch musste diese Aufgabenteilung bei jeder Stadt neu geregelt werden, da ein Klassenkampf zwischen Stadt und Land stattfand.
So war es völlig normal, dass es in den Dörfern auch Handwerksbetriebe gab. Es war überhaupt nicht unüblich, wenn der Landesherr diese billigeren Betriebe unterstütze, um so den Zünften der Stadt eins auszuwischen. Im Gegensatz dazu hatte die Stadt eigene bewirtschaftete Felder außerhalb der Stadt.
Noch bis zum 17. Jahrhundert war es üblich mitten in der Stadt Nutztiere wie Schweine zu halten. In Flandern, England und sogar Florenz des 16. Jahrhundert kehrten Handwerker und kleine Leute zur Erntezeit der Stadt den Rücken und gingen zur Ernte.

Hygiene in der Stadt

In einem Satz gesagt: die Hygiene in der Stadt war im wahrsten Sinne des Wortes beschissen. Der Abfall der Haushalte und Werkstätten wurde auf die Strasse geleert. Stadtverordnungen wurden zwar dagegen erlassen, aber in Frankfurt a.M. musste der Mist per Verordnung nach 8 Tagen und in Nürnberg nach 4 Tagen weggebracht werden. Man musste den Unrat ein Stück weiter vor die Stadt bringen. Die Tatsache, dass man zuhause Nutztiere hielt, tat das seine zur Verschmutzung hinzu. Edikt um Edikt wurden gegen Schwein und Rind erlassen. Ein Fortschritt war der Bau von städtischen Schlachthäuser in denen nur geschlachtet werden durfte. Die Senkgruben der Stadt wurden auch nicht regelmäßig geleert.
Der Kaufmann Anton Tucher ließ 1508 das "heimliche Gemach" seines Hauses ausräumen. Das erste mal seit 1499. Man kann sich vorstellen wie oft das Haus all die Jahre mit Thymian und anderem Zeug geräuchert werden musste, um den Gestank zu übertünchen.
In Mailand ließ der Magistrat erst nach dem Ausbruch der Pest 1576 verlautbaren, das die Häuser und Strassen gereinigt werden müssten.

Nicht jede Stadt konnte es sich leisten die Strassen mit Steinen zu pflastern. Man verwendete billigere Holzplatten. Man kann sich vorstellen was für ein Matsch entstand, wenn Regen auf den verdreckten Boden herunter kam. An manchen Orten gingen Bürger im Frühling mit Stelzen aus dem Haus. In Italien trugen manche Damen sehr hohe Absätze um ihre Kleider nicht zu beschmutzen. Wenn es besonders schlimm war, konnten Priester nicht in die Kirche gelangen und Ratsherren nicht in das Rathaus.
Der Prior der Abtei Maria Laach Johannes Butzbach (1477 - 1516) berichtet in seiner Autobiographie über die Orte an denen er in seinen Wanderjahren war "so schmutzig und kothig, dass ich bis an die Knöchel, sogar bis an die Waden im Koth watete."
In der Autobiographie des Liegnitzscher Hofmarschall Hans von Schweinichen kann man lesen, das er auf dem Fußmarsch zur Aufwartung des Herzog von Braunschweig in Wolfenbüttel bis zu den Knien in Koth geriet.

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Köln 1531

Die wichtigste Vorraussetzung für eine gesunde Hygiene in der Stadt war schon immer sauberes Wasser. Egal ob Flüsse oder Brunnen das Trink- und Kochwasser lieferten, die Stadt erließ zahlreiche Gesetze gegen das Verschmutzen des Wasser. Die Gerber durften ihre Häute nicht darin waschen, die Färber ihre Farbe nicht hineinschütten, keiner soll seine Kleider darin reinigen, Mist und tote Tiere hineinwerfen.

Der Bau von Kanälen war ein wichtiger Schritt in Richtung Reinlichkeit. Jedoch sollte man jene Kanäle nicht mit den heutigen oder den antiken römischen vergleichen, deren Wissen im Laufe der germanischen Völkerwanderung verloren ging.
Die städtischen Kanäle die hier gemeint sind, waren Rinnen mit Steinabdeckung in den Gassen und Strassen. In den deutschen Städten waren meist die Totengräber mit der Reinigung betraut, in Frankreich die "maitres fifi".
Erst 1739 war Wien als erste Stadt Europas komplett kanalisiert.

Stadtluft macht frei

Im Mittelalter war ein Höriger, der in die Stadt floh und ein Jahr und ein Tag in der Stadt wohnte, frei.
Der Grossteil der Menschen, die in die Stadt zogen, waren mittellos und erwarteten eine bessere Zukunft innerhalb der Stadtmauern. Viele lassen sich von den echten oder scheinbaren Freiheiten, den besseren Löhnen, blenden. Manche mussten auch in die Stadt, weil sie anderswo nicht mehr geduldet wurden.
Die Tagelöhner und Handlanger in den Städten wurden aus den Fremdzugereisten rekrutiert. Schon vor der Industrialisierung wurde eine Proletarierschicht in den Städten benötigt. Die Städte, die kaum Geburtenüberschuss haben, es herrscht im Gegenteil eine hohe Sterblichkeitsrate, sind auf die Einwanderer angewiesen.
Vor allem waren die Städte an Menschen mit bestimmten Talenten und Bildung interessiert die sie zu sich holen konnten.
Es war Gang und Gäbe, dass eine Stadt Handwerksmeister, Söldner, Gelehrte, Steuerleute, Ärzte, Baumeister, Ingenieure usw. usf. einer anderen Stadt abwarb.

Von Mauern und Kanonen

Mit dem Einsatz der Kanonen bei Belagerungen musste die Bevölkerung der Städte im 15. Jahrhundert realisieren, dass ihre mittelalterlichen Mauern den neuen Waffen nicht gewachsen waren. Sie begannen ihre Städte neu zu befestigen. Die Mauern mussten verbreitert werden, halb versenkte Festungswerke mit Bastionen und Verschanzungen, deren lockeres Erdreich als Kugelfang diente, wurden gebaut.
Stadtmauern dienten seit jeher nicht nur als Schutz gegen Feinde von außerhalb, sondern auch als natürliche Stadtgrenze.
Das Problem war nun, dass sich diese Wälle nur noch unter einem hohen Kostenaufwand verschieben ließen und die Stadt nicht mehr ungehindert in die Breite wachsen konnte. Man konnte auch nicht einfach unmittelbar vor der Stadt bauen, da man für die Verteidigung der Stadt eine große Fläche brauchte auf der weder Bäume, noch Häuser standen.
Der Stadt blieb nichts anderes übrig als in die Höhe zu wachsen. Fünf- bis zehnstöckige Häuser sind in Städten wie Genua oder Paris keine Seltenheit.

Der erhöhte Wagen- und Kutschenverkehr im 16. Jahrhundert in Europa zwang die Stadtregierungen sogar ganze Häuser und Vierteln innerhalb der Stadt abzureißen, damit man die Strassen verbreitern konnte. Die engen Strassen hatten zu einem Verkehrskollaps geführt.

Die Eigenständigkeit der Stadt

Man kann nicht pauschal sagen, dass jede Stadt es geschafft hat, sich von der ländlichen Gesellschaft, der politischen Bindung zum Landesherrn zu lösen und autonom zu werden. Das ganze war regional bedingt. Die Städte in Italien und Deutschland hatten ganz andere Grundvoraussetzungen als in Frankreich oder Kastilien. In Deutschland und Italien gab es im 13. Jahrhundert nach dem Niedergang der Könige aus der Familie der Staufer eine Zeit, die geprägt war vom Machtkampf verschiedenster Adelsfamilien um die Herrscherkrone. Nicht anerkannte Könige und Gegenkönige wurden gewählt. Der Staat brach zusammen. In dieser Zeit konnten sich einige Städte in Deutschland und Italien abkapseln und ihre Grundsteine als privilegierte Städte legen. In Frankreich, England und Spanien gab es keinen Zusammenbruch des Staates. Ganz im Gegenteil man entwickelte sich mit der Zeit in Richtung Territorialstaaten, in denen man den Städten auch nicht allzu viel Macht und Privilegien in die Hände gibt.

In Italien entwickelten sich richtige Stadtstaaten und in Deutschland, das ein Fleckenteppich von Herzogtümer, Grafschaften usw. usf. war, gab es die freien Städte und freien Reichsstädte. Auch in Flandern konnten sich die Städte sehr gut entwickeln.
In allen diesen drei Regionen konnten die Städte für einen langen Zeitraum den Staat außerhalb ihrer Mauern halten und ein eigenständiges Leben führen.

Sie konnten in den Städten eine eigenständige Kultur aufbauen, politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Experimente probieren.
Die Städte kümmerten sich selbst um ihr Steuer- und Geldwesen und die Zölle.
Sie organisieren Handwerk und Gewerbe.

Die Stadt ist nicht frei von Konflikten. Es gibt Parteien die um die Macht innerhalb der Stadt kämpfen. Adelige gegen Bürger. Reiche Händler gegen Handwerker. Handwerker gegen das Proletariat. Innerhalb der Stadt kommt es öfters zum Machtkampf zwischen den Zünften und der Stadtobrigkeit. Die Zünfte wollten alles was das Gewerbe und Handwerk in ihrem Sektor betrifft selbst regeln und reglementieren. Die Stadtobrigkeit wollte die Rechte der Zünfte beschneiden.
Jedoch stehen alle Städter vereint im Kampf gegen Feinde von draußen. Seien es jetzt Fürsten, Landadelige oder aufständische Bauern.

Mit dem Beginn der Neuzeit begannen unabhängig voneinander die Habsburger, die Päpste, die Fürsten, die Könige Frankreichs die Städte zu unterwerfen und Gehorsam zu erzwingen. Man wollte sich langsam in Richtung Territorialstaat entwickeln und da störten einzelne autonome Städte.
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